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Ebner's Waldhof Magazin
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Vom großen Theater hinter der Bühne

Zu Gast in den Bühnenwerkstätten der Salzburger Festspiele

Die Salzburger Hofstallgasse und die Festspielhäuser, die sie säumen, sind weltberühmtes Defilée für die mondäne Welt der Salzburger Festspiele, den Glanz, die Eleganz und Prominenz, die alljährlich die Stadt an der Salzach zum Erstrahlen bringen. Doch inmitten dieser Pracht gibt es auch ein unscheinbares Gittertor, das nur von Befugten durchschritten werden darf. Dort, an dieser Schleuse hinein in den geschäftigen Betrieb der Salzburger Festspiele, nimmt uns Christian Müller in Empfang. 

Er bekleidet eine ganz besondere Position bei den Festspielen: Als Leiter der Bühnenwerkstätten im Festspielhaus ist er Geburtshelfer für beeindruckende Bühnenbilder, spektakuläre Produktionen und die fesselnden künstlerischen Leistungen, für die die Salzburger Festspiele so weltberühmt sind. Gemeinsam mit ihm machen wir uns auf den Weg durch ein Labyrinth an Gängen, Hallen und Türen und erkunden die Werkstätten, die den Bühnenzauber der Festspiele zum Leben erwecken.

Erfinder, Tüftler, Möglichmacher

Tief im Bauch der Salzburger Festspielhäuser herrscht rege Betriebsamkeit. Dort fallen Späne, sprühen Funken und es wird in den buntesten Farben gemalt. Und zwar wortwörtlich, denn: Auch, wenn es die elegante Fassade nicht vermuten lässt – alle Werkstätten, die für die Herstellung der monumentalen Bühnenbilder der Festspielproduktionen benötigt werden, befinden sich direkt hier, im Festspielhaus. Neben einer vollständigen Tischlerwerkstatt entdeckt man also auch eine Schlosserei, eine Tapezier- und eine Elektrowerkstatt. Sogar eine mehr als 40 Meter lange Malerhalle findet dicht an den Felsen des Mönchsbergs Platz. Ein Mikrokosmos, in dem auf engstem Raum atemberaubende Kunst geschaffen wird. Bis zu 400 Mitarbeiter tüfteln hier an den ausgefeilten Bühnenbildern und der detailreichen Ausstattung, unter der Leitung von namhaften Bühnenbildnern und Regisseuren aus aller Welt.  

Ein besonderes Gefühl

Und die sind oft schwer zufriedenzustellen. Wird ein Bühnenbild, eine Szenerie erdacht, gelten die Gedanken erst spät der technischen Umsetzbarkeit. Diese ist die Aufgabe von Christian Müller und seinem Team, die gemeinsam oft schier Unmögliches in Leben rufen. Egal wie groß, komplex und vielschichtig ein Bühnenbild ist, es muss gleichzeitig lautlos sein, leicht, feuerfest, stabil, sicher, die Technik muss unsichtbar bleiben und trotzdem stets reibungslos funktionieren. Dazu ist oft viel Tüftelei nötig, Kreativität und vor allem auch eines: Erfindergeist. Auf vorgefertigte Lösungen kann man sich hier selten verlassen. Christian Müller merkt an: „Bei uns wird alles erfunden“. Und zwar von der Zeichnung bis zur Ausführung. „Aus einer leeren Halle ein Theater bauen. Das ist schon ein ganz besonderes Gefühl.“, sagt der Werkstättenleiter.

Monumentale Millimeterarbeit

Beim Durchqueren des Hofes zwischen den einzelnen Werkstätten passieren wir den Lastenaufzug des Festspielhauses. „Das ist unser Nadelöhr“, erklärt Christian Müller. „Ein Bauteil, das nicht in diesen Lift passt, kommt auch nicht auf die Festspielbühne.“ Damit spricht er das große Problem der Festspielwerkstätten an: Platz. Das historische Bauensemble der Festspielhäuser schmiegt sich eng an die Felsen der Stadtberge und setzt jedem Gedanken an mehr Platz zum Arbeiten natürliche Grenzen. Doch nicht nur beim Bau der Bühnenbilder ist der Platz ein Problem, sondern auch beim Umbau der Bühnen von einem Stück zum nächsten. Dabei muss oft jeder Millimeter ausgenützt, genau in das Umbaukonzept eingeplant werden. Rangierprobleme sind Alltag. 

Doch die beengten Platzverhältnisse können den immensen Vorteil der hauseigenen Werkstätten nicht trüben: die kurzen Wege. „Es wird immer wieder diskutiert, die Werkstätten auszulagern, auf die grüne Wiese vor der Stadt. Doch dieses Mehr an Platz könnte die längeren Anfahrtswege nie wettmachen.“ Denn: die Anfahrt zu den Festspielhäusern ist ebenfalls oft eine Herausforderung. Die Altstadt ist eng und verwinkelt, Poller erschweren den Zugang zu den Spielstätten. „Wahrscheinlich ist nur in einem Haus die Anlieferung noch komplizierter“, lacht Christian Müller, „und zwar im Teatro La Fenice in Venedig.“ Dort ist man schließlich auf den Wasserweg angewiesen.

Nur im La Fenice ist die Anlieferung komplizierter.

Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein

Wie kurz die Wege zwischen Werkstatt und Bühne tatsächlich sind, erleben wir gleich am eigenen Leib. Christian Müller öffnet eine unscheinbare Tür und schon stehen wir mitten drin im Großen Festspielhaus, wo gerade ein neues Bühnenbild montiert wird. Hoch oben im Schnürboden wird die große Bühne plötzlich ganz klein. Geschäftig tummeln sich die Bühnenarbeiter unter unseren Füßen, montieren Wände, passen Teile an und tragen Dekorationsstücke an ihren Platz. Getreu den Plänen von Regisseur Alvis Hermanis werden die Bretter, die die Welt bedeuten, in eine gigantische, überdimensional große Galerie mit roten Wänden, elegantem Parkett und Kunstwerken aus allen Epochen verwandelt. Das Stück, dem hier die Bühne bereitet wird, ist Giuseppe Verdis „Il trovatore“. 12 fahrbare Wände sind sein Grundgerüst, geschmückt wird es mit 60 Meisterwerken der Kunstgeschichte.

Doch auch wenn das Bühnenbild bereits aus dem Zuschauerraum monumental wirkt, die wirklichen Ausmaße dieses Kolosses erfährt man erst, wenn man sich hindurch bewegt. Neben der meterhohen Reproduktion von Rubens‘ Leda mit dem Schwan macht sich augenblicklich das Gefühl breit, ein Zwerg neben der großen Kunst zu sein. „Es war gar nicht einfach, grafisches Material für diese großen Kunstrepliken zu bekommen“, merkt Christian Müller an. „Diese Bilder sind im Original um ein Vielfaches kleiner und man braucht Fotografien mit unwahrscheinlich hoher Auflösung, um sie auf dieses Format vergrößern zu können.“ Achtzig Personen sind an der Produktion des monumentalen Bühnenbilds beteiligt, bevor es Anna Netrebko und Plácido Domingo schließlich mit Verdis Musik beleben werden. 

Maßarbeit bis ins kleinste Detail

Jedes Bühnenbild, das eine Oper oder ein Theaterstück der Salzburger Festspiele in Szene setzt, ist bis ins kleinste Detail maßgeschneidert. „Bei uns wird keine Wand zweimal verwendet. Aus Prinzip nicht. Auch nicht, wenn man das Gefühl hat, ein einzelnes Teil schon 500 Mal gebaut zu haben.“, kommentiert Christian Müller. Dass sich ein Bühnenkonzept dennoch in Windeseile ändern kann, zeigt das Beispiel der diesjährigen Uraufführung von Marc-André Dalbavies Stück „Charlotte Salomon“ in der Felsenreitschule: „Ursprünglich wurde davon ausgegangen, dass lediglich ein langes Seil für diese Inszenierung gespannt werden muss. Im Februar zeigte sich aber, dass das Konzept der Oper so nicht aufgeht und ein neues Bühnenbild her muss. Also haben wir innerhalb von 1,5 Monaten ein neues Bühnenbild gebaut.“ 

Eine Monsteraufgabe, bedenkt man, dass normalerweise etwa eineinhalb Jahre Planungszeit in ein Bühnenbild fließen. Solche Inszenierungen von zeitgenössischer Opern- und Theaterliteratur sind Christian Müllers liebste Betätigungsfelder. Das Neue, der Innovationsgeist, der künstlerische Mut und die außergewöhnlichen Ansätze beflügeln ihn in seiner Arbeit. „Man hat das Gefühl, bei etwas dabei zu sein, über das man in 100 Jahren sprechen wird“, sagt er. Nach dem fünften Don Giovanni kenne man das Stück schließlich schon in- und auswendig, zeitgenössische Produktionen seien hingegen für Überraschungen gut. „Da fließt manchmal monatelange Vorbereitung in ein sieben Minuten langes Stück. Das ist eigentlich völlig abstrus und gleichzeitig großartig, dass Kunst so etwas kann, so etwas darf.“

Alles wird neu erfunden.

Verrückte Lösungen für geniale Kunst

Abstrus, aber großartig sind auch viele Lösungen, die Christian Müller für solche zeitgenössischen Stücke bereits umgesetzt hat. Eine seiner liebsten Produktionen stammt dabei aus seinen Anfangsjahren bei den Festspielen. Die Rede ist von „The Invisible College“ der Londoner Theatergruppe primitive science. „Da haben wir das alte Stadtkino mit 65 Tonnen Bad Ischler Spezialsalz angefüllt. Die Schauspieler haben diese Salzberge dann als Sanddünen inszeniert und als Schneehügel, sind mit Schlitten heruntergefahren. In einer Szene fielen Christbäume mit Stahlspitzen von der Decke.“ Auch meterhohe Konfetti-Beschneiung gab es schon in seiner Karriere und einen Berg aus 20.000 leeren Red Bull-Dosen für „Peer Gynt“. 

Für „Don Juan kommt aus dem Krieg“, der dieses Jahr auf der Halleiner Pernerinsel gegeben wird, wurden 30.000 Feldpostkarten aufgehängt, in einer Szene fällt schwarzer Schnee. „Bühnenbildner sind oft extrem detailverliebt und richtige i-Tüpfel-Reiter.“ In der Zusammenarbeit sei es daher manchmal von Vorteil, näher an der Technik als an der Kunst beheimatet zu sein, sagt Christian Müller: „Man hinterfragt weniger, wenn man weiter vom künstlerischen Ansatz entfernt ist und vertraut einfach darauf, dass der Künstler schon weiß, warum es exakt dieses Rot sein muss und nicht jenes. Und am Ende, bei der Aufführung, geht es immer auf und der Erfolg gibt dem Künstler recht.“

Erzählt für den Ebner’s Waldhof von Caro

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