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Ebner's Waldhof Magazin
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Ein Festmahl für’s Wild

Zu Gast bei der Hirschfütterung in Hintersee

Stille. Lediglich die Geräusche des in Weiß gehüllten Waldes und die eigenen Schritte im knirschenden Schnee sind zu hören. Unsere Wanderung durch ein lichtes kleines Waldstück bringt uns auf eine Lichtung, auf der sich bald ein beeindruckendes Schauspiel ereignen wird: die Hirschfütterung in Hintersee. Noch wissen wir nicht, was uns gleich erwartet. Doch eines ist sicher: Wir durchqueren gerade ein Waldstück, in dem uns jeden Moment ein Hirsch begegnen oder uns ein Reh seine Aufwartung machen könnte. Denn: In der Umgebung von Hintersee leben die Hirsche nicht in Gehegen, sie können sich die traumhafte Berglandschaft vollkommen frei erobern.

Schon bald sehen wir eine kleine Holzhütte. Ein Geräusch dringt an unser Ohr, das eigentlich gar nicht mit der friedlichen Waldnatur zu vereinen ist: ein knatternder Motor. Kann das sein? Hier, mitten im Wald, in der Nähe der scheuen Wildtiere? Aber tatsächlich: Jäger Markus Rohn bereitet gerade ein Festmahl für die hungrigen Hirsche zu. Und dazu braucht er ganz besonderes „Besteck“: Mit Heugabel, Schaufel und einem kleinen Bagger füllt er Heu in die vielen Futterstände aus Holz. Während er damit beschäftigt ist, machen wir es uns auf der Zuschauertribüne bequem, um die Hirschfütterung aus sicherer Entfernung beobachten zu können.

Von Richtlinien und Regeln

Während Markus seine Arbeit weiterführt und Futterstand um Futterstand befüllt, nehmen nach und nach immer mehr Menschen auf der Tribüne Platz. Rund 50 Personen fasst der Beobachtungsstand, wesentlich mehr als von außen vermutet. Auf der Lichtung knattert der Bagger munter weiter und auf der Tribüne ist ein reges Murmeln zu vernehmen, bestehend aus angeregten Gesprächen, aufgeregtem Flüstern, vorfreudigem Lachen und knipsenden Kameras. Doch plötzlich verstummt die Menge. Markus Rohn mahnt die Zuseher, Stille einkehren zu lassen. „Jetzt geht es dann los. Dabei sind einige Regeln zu beachten, um das Wild nicht zu erschrecken: Keiner steht auf. Vermeiden Sie hektische Bewegungen, laute Geräusche und Gespräche.“, erklärt er der wartenden Menge. 

Keine hektischen Bewegungen

Beschwörer der Hirsche

Ungewohnte Stille und angespannte Ruhe macht sich breit. Doch schon bald wird diese von aufgeregtem Flüstern ersetzt: Auf dem gegenüberliegendem Hang zeigen sich die ersten Wildtiere. Rehe, Hirsche und Kitze wagen sich Stück für Stück durch das Geäst ins Tal. Markus ist noch dabei, die Futterstände zu befüllen, diesmal mit einer anderen Art von Futter. Wie er uns später mitteilt, wird das Futterheu mit Kraftfutter aus Maissilage ergänzt. Plötzlich hebt der Jäger zu ritualartigem Gesang an: Markus versucht, die Hirsche anzulocken. „Hirschen, kemmt’s olle oba!“ Auf Hochdeutsch: „Hirsche, kommt alle herunter.“ Unterlegt mit einer beruhigenden und tiefen Melodie scheint er das Rotwild zu beschwören, sich zur Futterstelle zu wagen.

Und es wirkt. Ein Tier nach dem anderen traut sich, nachdem Markus Rohn sich selbst auf die Tribüne zurückgezogen hat, aus dem Wald heraus und betritt die Waldlichtung. Mutige Kitze bewegen sich zuerst an die Tröge, gefolgt von majestätischen Hirschen. Einige scheue Tiere bleiben misstrauisch im Dickicht des Waldes versteckt. Doch irgendwie scheinen die Tiere verunsichert. Die Hirsche treiben ihre Herde wieder zurück in den Wald. Nach einigen Minuten wagen sie es erneut und betreten die Futterstelle. Und da passiert es: Ein Kind auf der Zuschauertribüne beginnt zu weinen. Erschrocken treten die Wildtiere den Weg den Hang hinauf an und verbergen sich im Geäst. Markus versucht auf ein Neues die Tiere mit beruhigenden Worten anzulocken. Doch vergebens. „Ich denke, wir brechen hier ab. Das wird heute nichts mehr.“

Das Wild und der Winter

„Solche Tage gibt es hin und wieder“, erklärt und Markus Rohn. „Daher ist es auch so wichtig, dass absolute Stille herrscht.“ Rund 150 Tiere der Gattung Rotwild befindet sich in dem Naturgebiet Hintersee und Tiefbrunnau. Sobald der erste Schnee liegt, beginnt die tägliche Hirschfütterung. „In ganz Österreich gibt es rund 500 Wildfütterungen, davon drei Schaufütterungen, eine bei uns in Hintersee“, klärt uns Markus auf. Für gewöhnlich ernähren sich die Pflanzenfresser und Wiederkäuer von Kräutern, Knospen, Eicheln und Moos. Im Winter müssen sie allerdings auf Rinde zurückgreifen, da ihre gewohnte Nahrung nicht aufzufinden ist. Ein Schaden für den Baumbestand vieler Wälder, für die Tiere jedoch Notwendigkeit. Um diese Verletzung der Bäume zu verhindern und das Wild gut durch den Winter zu bringen, führen sachkundige Jäger die Wildfütterungen durch.

Der Kreislauf der Natur

Rotwild hält keinen Winterschlaf, wie andere Alpenbewohner. Der Winter dient dem Wild als Ruhepause, es fährt den Stoffwechsel und die Körpertemperatur auf ein Minimum herab. Darum ist jegliche Aufregung für die Tiere ein Raub ihrer Energie. „Eigentlich ist die Schaufütterung für die Tiere nicht gut, es regt sie zu sehr auf und zehrt an ihren Kräften. Doch die Schaufütterung bringt Geld ein, um Futter für die Winterzeit kaufen zu können – von daher ist es ein notwendiges Übel.“, gesteht der Jäger.

Unnötiger Stress für die Tiere

Scheu aber schlau

Markus Rohn ist Berufsjäger, und kümmert sich um die Hirschfütterung in Hintersee. Diese Arbeit könnte auch ein anderer machen, jedoch benötigen die Wildtiere ihre Zeit, um sich an die Person, die sie füttert, zu gewöhnen und demjenigen Vertrauen zu schenken. Darum auch der ritualartige Gesang – er soll die scheuen und von Natur aus misstrauischen Tiere beruhigen und ihnen zeigen, dass kein Grund zur Aufregung besteht. „Doch manchmal wollen die Tiere einfach nicht. Ich würde auch nicht wollen, dass mir eine Traube Menschen beim Essen zusieht. Und blöd sind sie ja auch nicht: Die Tiere wissen, irgendwann sind die Menschen weg und dann können sie in Ruhe fressen.“ Vielleicht treffen Sie die Hirsche ja an einem besseren Tag an und können Sie dann in voller Pracht bewundern. Denken Sie dabei aber immer daran: Absolute Stille ist Pflicht!

Erzählt für den Ebner’s Waldhof von Teresa

 

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