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Ebner's Waldhof Magazin
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Zu Gast bei den Salzburger Schirmherren

Die Schirmmanufaktur Kirchtag

Traditionelles Handwerk ist rar geworden in unseren Breitengraden. Längst werden die vielen Dinge, die wir in unserem Alltag brauchen, von Maschinen und in großen Industriehallen hergestellt und handwerkliche Erzeugnisse findet man immer seltener. Es stellt sich die Frage: Warum eigentlich? Liegt es am Aufwand? An der vielen Zeit, dem Geld und der Muße, die das Handwerk fordert? Oder ist das alte Wissen um die händische Herstellung von Alltagsgegenständen einfach verloren gegangen?

Doch wenn man genau hinsieht, merkt man: Es gibt sie noch, die guten, die handgemachten Dinge. Eines dieser Kleinode des traditionellen Handwerks in Salzburg ist die Schirmmanufaktur Kirchtag. Hier wird noch gearbeitet. Richtig gearbeitet. Mit den Händen gebohrt, geschliffen, geschnitten und genäht. Und dabei entstehen wahre Kunstwerke: die typischen Kirchtag-Schirme. Was es mit der handwerklichen Herstellung von Regenschirmen auf sich hat und warum so ein handgemachter Schirm ganz besonders gut vor dem Vergessen schützt, haben wir bei unserem Besuch herausgefunden.

Die handwerkliche Tradition bewahren

Vom Stock zum Schirm

Unsere Entdeckungstour beginnt im ersten Zimmer. Und dort herrscht eine ruhige und doch geschäftige Betriebsamkeit, wie man Sie heute nur noch selten findet. Wenn gerade keine Maschine läuft, hört man lediglich das gedämpfte Treiben der nahen Getreidegasse. Eine Werkbank in der einen Ecke, zahlreiche Aufbewahrungsschränkchen in der anderen. In Reih und Glied hängen die bereits geschliffenen und geölte Stöcke an der Wand. Verschiedenste Holzarten versammeln sich hier: Von Nussholz über Rüster bis hin zu edler Birne. Und mittendrin steht Martin, der gerade an einem Schirmgerüst arbeitet. Rund um ihn liegen Zangen, Hämmer, Messer und Kleinteile, die wohl bald ihren Anteil an der Entstehung eines Schirmgerüsts haben werden.

Aus Nägeln, Schrauben, Schiebern und anderen Komponenten entsteht hier der Teil des Schirms, über den sich bestimmt jeder von uns schon einmal geärgert hat, weil er klemmt oder einfach nicht will: das Gestell. Doch die Schirme von Kirchtag funktionieren reibungslos.

Denn: Die Schirm-Mechanik wird mit speziellen Formeln je nach Größe des Schirms berechnet. Wie diese lautet? Das wollte uns Martin nicht verraten. Vielleicht ist es ja ein Betriebsgeheimnis.


Ein edles Kleid ganz nach Wunsch

Im anderen Hauptraum der Manufaktur entdecken wir die Nähstube. An der einen Wand türmen sich Stoffballen auf Stoffballen. An der anderen Wand hängt knapp unter der Decke eine Vielzahl an nackten Stöcken und Schirmgestellen, die darauf warten, eingekleidet zu werden. Und genau darum kümmert sich Monika. Sie zaubert den Schirmen ein maßgeschneidertes Kleid. Je nach Kundenwunsch kommen hier Stoffe wie Baumwolle, doppelt gewebtes Polyester, Nylon oder gar Seide zum Einsatz. Detailverliebt werden die Stoffe bemessen, vorgezeichnet und ausgeschnitten. Gleich danach ertönt auch schon das Knattern der Nähmaschine: An einer alten Pfaff näht Monika die Bespannung für den Schirm zusammen. Dafür greift Sie immer wieder in die Schublade hinter sich, in der bunte Garne, Scheren, Nadeln und andere Nähutensilien auf ihren Einsatz warten.

Auch im Alter noch topfit

Auch Herr Kirchtag Senior ist trotz hohen Alters noch immer in der Manufaktur präsent. Er arbeitet sogar noch selbst an einigen Schirmen mit. Laut eigenen Worten braucht er zwar etwas länger dafür, aber die Arbeit macht ihm nach wie vor Spaß. Wenn er gerade nicht arbeitet, unterhält er die Anwesenden mit seinen Geschichten. Auch uns hat er eine Anekdote aus seinem Leben in der Manufaktur erzählt: „Letztens kam ein Kunde, der einen Schirm seiner Oma am Dachboden gefunden hatte, und bat uns, ihn zu reparieren. Diese Arbeit macht den Umsatz unserer Firma keineswegs aus, jedoch ist es immer wieder schön, an Schirmen zu arbeiten, in denen viele Emotionen und eine Geschichte stecken.“

Schirme mit Geschichte

Aus Liebe zur Arbeit

Und hier sind wir bei einem wichtigen Aspekt der Manufaktur Kirchtag angelangt. Das große Geld wird nämlich nicht gemacht mit den handgemachten Schirmen. Im Gegenteil: Das Geschäft lebt hauptsächlich vom Verkauf anderer Produkte. Doch Andreas Kirchtag liegt sehr viel an der Schirmherstellung. Diese schöne, traditionelle Arbeit soll weiterleben. Fern von Zeitdruck und Stress werden hier wertvolle Unikate geschaffen, die lange halten und Freude machen. Und ganz nebenbei wird einem vom Aussterben bedrohten Handwerk neues Leben eingehaucht.

Sagen Sie der Vergesslichkeit adé

Im Laden werden neben den traditionellen Kirchtag-Schirmen auch noch Taschen, Geldbeutel, Koffer und andere Produkte vertrieben, die jedoch nicht aus eigener Herstellung stammen. Pro Jahr finden rund 500 Kirchtag-Schirme neue Besitzer. Egal, welchen Stoff, welches Holz oder welche Farben gefragt sind – bei Kirchtag wird jeder Schirm genau nach Kundenwunsch angefertigt. Und wie Andreas Kirchtag selbst sagt: Seine Schirme helfen gegen Vergesslichkeit. Wie das funktionieren soll? Ganz einfach: Jedes Stück ist ein Unikat und hat seinen Preis – und der hilft ganz zuverlässig gegen das Liegenlassen und das Vergessen.

Erzählt für den Ebner’s Waldhof von Teresa

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